Hallo Leute,
wie die Stammleser von JD’s Rap Blog sicher mitbekommen haben, beschäftigt mich in Interviews oder in News oft das Thema illegale Downloads. Nun habe ich ein paar ausgewählte Blogger nach ihrer Meinung bezüglich diesen Themas gefragt. Mit dabei Herr Merkt, Spit-TV, PlayMuzikk, badaboombadabang, DungD2N, Diggedidoooope und Mixtapesammelstelle.Vorab natürlich ein riesen Dank an meine sehr geschätzten Kollegen, die sich schnell bereit erklärt haben etwas beizusteuern. Unten findet ihr nun, die jeweiligen Statements meiner Kollegen und natürlich etwas Kleines von mir zu dem Thema “illegale Downloads“. Sinn und Zweck dieses Blog-Eintrags ist einfach, dass ich etwas zu Diskussionen anregen möchte und vielleicht einigen ins Bewusstsein rufen möchte, dass man Musik kaufen sollte um seine Künstler zu unterstützen. Und los geht’s!
Herr Merkt:
Ach ja, die Raubmordkopierer mit ihren illegalen Downloads. Seit Jahren ein willkommener Sündenbock wenn es darum geht, die Gründe zu ermitteln, warum Nachwuchsrapper XYZ trotz 350 Klicks bei YouTube die gepresste 500er-Auflage seines spielverändernden Debuts nicht einmal ansatzweise absetzen kann! Mit diesem überzeichneten Einstieg in meine Ausführungen möchte ich die Problematik der unautorisierten Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Werke in keinster Weise verharmlosen, jedoch möchte ich die ein oder andere Leserin / den ein oder anderen Leser dafür sensibilisieren, dass es neben illegalen Downloads auch noch andere Ursachen dafür geben kann, dass ein hoffnungsfroher Jungspund seine Karriere ungebremst gegen die Wand fährt – zum Beispiel mangelnde Relevanz bei latenter Selbstüberschätzung! Daher würde ich jedem Neukommer wärmstens empfehlen, seinen potentiellen Impact anhand von kostenfreien Veröffentlichungen vorzutesten, bevor Sie das Wagnis einer kostenintensiven Pressung eingehen!
Da es die Plattenindustrie über Jahre hinweg versäumt hat, den kostenfreien illegalen Angeboten vernünftige Online-Angebote mit einem Mehrwert für die interessierte Kundin / den interessierten Kunden entgegen zu setzen, ist der Trend zum illegalen Download in meinen Augen nicht mehr aufzuhalten. Nicht selten werde ich von meinem Freundeskreis gefragt, warum ich mir bestimmte Platten nicht einfach herunterlade – was zeigt, dass der Selbstbedienungsladen im Rahmen des Internet gesellschaftlich etabliert ist. Daher wird man als Künstler auf längere Sicht nicht darum herum kommen, seine Platten als Werbewerkzeuge für Liveauftritte oder andere Merchandise-Artikel zu verstehen. Dennoch wird der Tonträgerhandel nicht vollständig zusammenbrechen. Hier sollte die Tendenz weiterhin dahin gehen, die Kundin / den Kunden mit Beigaben wie “Making of DVDs”, T-Shirts oder “Camouflage Army Caps” zum Kauf des Produkts zu animieren. Weiterhin wird sich eine Gruppe treuer Käuferinnen und Käufer heraus kristallisieren, die nicht auf die haptische Komponente des Musikhörens verzichten möchte. Ich selbst würde mich dieser Gruppe zuordnen.
Spit-TV:
Das Thema illegale Downloads ist gerade im Rapbereich allgegenwärtig. Die Hemmschwelle zum illegalen Download scheint hier besonders gering zu sein, da die Kern-Zielgruppe für Rap vom Alter, der Internetaffinität und von der Finanzkraft größtenteils die Basis-Attribute eines „Downloaders“ erfüllen. Der Hinweis auf das „Nicht-Downloaden“ in Interviews, Twitter Timelines oder Facebook Statusreports der Künstler ist heute fast nicht mehr wegzudenken. Im Zuge der Labelschliessungen wurde auch oftmals die Schuld komplett auf die Downloader geschoben.
Auf der einen Seite ist es extrem, dass auf einschlägigen Portalen manche Deutschrap-Alben
unfassbare Downloadzahlen erreichen oder man scheinbar überall mit deutschen Künstlern aus Handyspeakern beschallt wird, wie ich jüngst mit Farid Bang vom Zeitungsträger. Auf der anderen Seite liegt die Schuld auch nicht komplett bei den runterladenden Fans und Interessierten.
Das Thema „Internet“ wurde lange Zeit verpennt. Erst wurde aus einem 50 MB großen WAV File ein auf 5 MB komprimiertes File, dann kamen die ISDN Flatrates und eine gute Zeit später die Breitbandinternetzugänge. Willkommen im Jetzt. Man kann hier nicht gerade von einem Phänomen, das „von heute auf morgen“ stattfand, sprechen. Fakt ist, dass die Musikindustrie diese Phase komplett verpennt hat bzw. sich keine Gedanken über diese Entwicklung machte. Und es ist wohl kein Geheimnis, dass gerade in Sachen Wirtschaft und
Trends die Geschwindigkeit in den letzten 20 Jahren drastisch zugenommen hat. War es Trägheit, oder zu einem Teil Sattheit? Musik und Lifestyle verschmolz in den letzten 40 Jahren. Selbst die MC (Kassette) schadete dem Vinyl und CD Markt nicht wirklich, da es damals völlig legitim war für Musik zu bezahlen und eine originale Platte oder CD mehr war als bloß der Besitz eines Tonträger. Wenn Künstler wie Azad heutzutage in Interviews erklären, dass Fans nach den Konzerten den Artists erklären, dass sie sie feiern und stolz berichten, dass sie deren Album extra mehrfach gebrannt und ihren Freunden gegeben haben oder die Artists schlichtweg fragen, wo man ihr neues Album bei einem illegalen Portal runterladen kann, hat sich in der Wahrnehmung und Wertschätzung der Musikhörer etwas drastisch verschoben. Ganz klar zum Negativen. Einen Überblick wie es zu dieser Verschiebung kommen konnte, beispielsweise durch den plötzlich höheren Stellenwert anderer Unterhaltungsprodukte wie Videospiele, Handys uvm. kann man sich über verschiedene Artikel im Web rund um das Thema verschaffen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Finanzierung von Musik nicht mehr nur über den Tonträger zu funktionieren scheint. Legale Downloadportale wurden zwar viel zu spät eingeführt, liefern heute jedoch teilweise schon beachtliche Zahlen. Es gibt neue Zusammenschlüsse beispielsweise von Platten- und Eventfirmen, die Kombipakete bestehend aus Downloadalbum und Ticket anbieten. Das Abdecken verschiedener Bereiche rund um das Thema Musik mit einem Produkt ist sicherlich ein interessanter Weg, den man noch weiter ausbauen bzw. optimieren muss.
Fakt ist, dass illegale Downloads ein gegenwärtiges Problem darstellen, das die Musikindustrie hart traf, da man sich einfach zu spät dem Thema und der Entwicklung stellte. Hier sind im großen Rahmen die gutbezahlten Experten oder im kleinen die meist wesentlich kreativeren und innovativen Künstler und deren Teams gefragt. Impulse gibt es bereits.
Illegale Downloads schließen jedoch auch das Runterladen von Spielen oder Filmen mit ein. Sehr grenzwertig finde ich es wenn Künstler in Interviews über die Downloader ihrer Alben wettern, sie teilweise beschimpfen, in Facebook jedoch Statusreports wie „Ich bin gefangen in der XYZ.to (offizieller Link zu einem illegalen Kinofilm Stream Portal) Falle. Welche Serie als nächstes?“ posten oder twittern, dass sie im Tourbus gerade den oder den aktuell angelaufenen Kinofilm schauen. Es geht hier um eine Grundhaltung. Dass jeder illegal runterlädt, oder allgemeiner formuliert, schon einmal etwas illegal geladen hat, ist wohl jedem klar. Wenn man in der Öffentlichkeit steht und diese Problematik täglich oder spätestens mit dem nächsten Release zu spüren bekommt, sollte man vielleicht einmal über seine Vorbildfunktion nachdenken und realisieren, dass man auch ein Teil dieser Entwicklung und Haltung geworden ist.
In diesem Sinne.
Riff
Spit-TV.de
badaboombadabang:
Also mit den illegalen Downloads ist das ja so eine Sache: Alle verteufeln sie, dabei hat jeder selbst unter seinen Explorer-Favoriten mindestens einen Link gespeichert, der Eintritt zum polnischen, virtuellen Plattenladen gewährt. Doch gerade wenn es um die eigene Musik geht rückt man diesen Fakt ganz gerne mal in den Hintergrund und fleht seine „Fans“ förmlich an, doch bitte in den nächsten Plattenladen zu spazieren und für die Musik auch mal in den Geldbeutel zu greifen. Ich habe „Fans“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn echten Fans dürfte wohl ohnehin bewusst sein, dass sie für die Mucke ihres Lieblingskünstlers blechen müssen, um seine Existenz zu sichern und ihm nicht das Brot vom Teller zu klauen. Da der Markt aber zu 90 % von mittelmäßigen, herzlosen Releases überflutet ist, da inzwischen jeder Horst der Überzeugung ist rappen zu müssen, hat Rap in der Gesellschaft generell an Wert verloren und die Kids halten es für selbstverständlich sich wahl- und kostenlos zu bedienen. Jetzt stellt sich die Frage: Wann bin ich persönlich bereit in den Laden zu rennen und mir eine CD zu kaufen? Was sollte mich dazu motivieren?
Die Antwort liefert Olli Banjo kurz und knapp auf seiner aktuellen Single: „Qualität – das einzige Mittel gegen Datentausch!“
Kleines Beispiel: Ich bin damals bereits einen Tag vor Veröffentlichung von Snaga & Pillaths „Aus Liebe zum Spiel“ in den Media Markt gerannt, um Ausschau nach der Scheibe zu halten. Wieso? Weil ich in dem Video-Blog der Jungs gesehen habe, wie ein Snaga in der Gesangskabine steht und vor lauter emotionalen Gesichtsverkampfungen Falten bekommt. Weil mir das gezeigt hat, dass in dem Album jede Menge Herzblut steckt und die Jungs sich Mühe gegeben haben. Und ja… wahrscheinlich bin ich bis zu einem gewissen Grad auch dankbar für einen Song wie “Einen Tag”, der mir persönlich in einer äußerst miesen Zeit sehr viel gegeben hat. Und da kann man schonmal 15 Euro auf den Ladentisch legen. Das mag dann wahrscheinlich auch eine Sache der Mentalität sein – für mich ist es jedoch selbstverständlich. Ich habe sogar original noch den Kassenzettel in meinem Geldbeutel! Klingt jetzt zwar etwas nach Groupie-Love, aber das zeigt einfach, dass dieses Album eine bestimmte Bedeutung für mich hat.
Natürlich gibt es auch wahnsinnig gute Alben, die zu lauter Unrecht öfters gesaugt wurden, als dass sie über den Ladentisch gingen. Über kurz oder lang wird sich Qualität jedoch durchsetzen. Und all die Eintagsfliegen mit ihrem realitätsfremden Denken, die meinen sie könnten sich in kürzester Zeit die ganze Bäckerei unter den Nagel reißen, werden eben genauso schnell wieder im ewigen Nichts verschwinden, wie sie aufgetaucht sind oder weiterhin in Interviews herumjammern, weshalb sie noch nicht in Geld schwimmen und wieso sie niemand feiert, obwohl sie doch [denk Dir was] sind. Weil Euer Scheiß es nicht wert ist gekauft zu werden – hättet Ihr mal lieber Euren Schulabschluss gemacht, dann müsstet Ihr Euch jetzt auch nicht beschweren mit Null Komma nichts da zu stehn!
Ein absolutes No-Go (Shouts an Buddy Ogün!) und ein Armutszeugnis für die Szene sehe ich außerdem darin, wenn Szenegrößen wie Kool Savas vor laufender Kamera illegal Alben (aus feindlichen Camps) herunterladen. Mit der unbestreitbar vorhandenen Vorbildsfunktion sollte in diesem Fall eindeutig anders umgegangen werden… – egal ob es sich nun um den King of Rap oder MC Handgranatenflows handelt. Wobei es im Falle von Savas, in Anbetracht der Schließung von Optik, nochmal eine Stufe schizophrener erscheint.
Ich bin jetzt absichtlich weniger auf die technischen Fortschritte und möglichen Auswege aus der Sackgasse “Illegale Downloads” eingegangen, sondern verstärkt auf die Wertschätzung von Kassetten, Schallplatten, CDs und Musik im Allgemeinen. Es ist nämlich wichtig, dass sich jeder von uns an die eigene Nase greift und vor allem auch begreift, dass so ein “Album mit Herz, Sack, Nüssen und Schwanz”, wie Pillath zu sagen pflegt, nicht mal eben in einer Woche dahingerotzt ist, sondern Mühe, Kosten und wahnsinnig viel Zeit dahinter steckt. Vielleicht fällt es mir aber auch einfach zu schwer mich in die Köpfe der Kids hineinzuversetzen, da ich in einer Zeit groß geworden bin, als man noch Booklets während dem ersten Hördurchgang genauestens studierte und bei den Danksagungen nach weiteren, bekannten Künstlernamen suchte, bloß um dann festzustellen “WAS?! Die sind DOCH cool miteinander?! Dann sollte ich mir dem seine Platte vielleicht doch noch kaufen…”. Ja, so war das einmal.
Doch wenn Künstler wie JAW ihr Album für beinahe schon spöttische 7,99 Euro bei Amazon anbieten, das Album jedoch zwei Wochen vor Releasedate im Netz landet und ein nicht zu verachtender Prozentteil der Hörerschaft am Ende des Tages nicht einmal diesen Spottpreis entbehren möchte, kann irgendwas nicht stimmen…
One,
badaboombadabang
PlayMuzikk:
Illegale Downloads gibt es und wird es ab jetzt auch immer geben (es sei denn das Internet stürzt ein). Wenn die Künstler sich allerdings mit dem Internet anfreunden, es akzeptieren und die dadurch entstandene Nähe zu den Fans richtig nutzen, kann man die illegalen Downloads eindämmen, weil die Fans motivierter sind sich ein Album zu kaufen.
Von wem kauft man eher ein Album: Von einem Künstler, der einmal jährlich sein Album droppt, mag es auch so gut sein, aber sich bis auf die Interviews und Promotermine vor Albumrelease nicht blicken lässt, oder von einem Künstler der mit seinen Fans twittert, Blogs schreibt, Videos aufnimmt, Freetracks und (Free-)Mixtapes releast und ebenfalls einmal jährlich ein Album releast? Ich habe bei Ersterem das Gefühl, dass er sich einen Scheißdreck um seine Fans kümmert, sondern nur die Kohle für sein Album will. Bei Letzterem aber sieht man wie viel Zeit er in diese “Fanpflege” investiert. Ich hätte ehrlich gesagt ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir sein Album nicht kaufen würde. Leider kommt letzterer Künstlertyp nur sehr selten in der momentanen Deutschrapszene vor.
Diggedigope:
Illegale Downloads – ein leidiges Thema der Musikindustrie und ihrer Konsumenten.
Man sagt ja, das Internet ist der Katalysator des Vorgangs. Dem ist nichts hinzuzufügen? Oh doch. Denn betrachtet man einmal die Kehrseite der Medaille,
wird man schnell feststellen, dass das Medium Internet schon manch einem etablierten Künstler eine beachtliche Hilfe auf dessem Weg zum anerkannten
Musiker war. Denn durch’s Netz ist eine einfache Möglichkeit des, ich nenne es einmal, “Bekanntmachens” vorhanden und nahezujeder heutzutage möchte diese nutzen.
Es fängt ja schon bei Plattformen wie Twitter an… warum zum Teufel will ich, dass andere (vielleicht sogar fremde) Leute sehen, was ich mache?
Man weiß es nicht. Es scheint eine Art menschlicher Drang zu sein.
Ich bin kein Befürworter illegaler Downloads; wenn man allerdings mal in eine CD reinhören möchte, verklage ich keinen auf Grund des unerlaubten Herunterladens von Alben.
Solange man diese dann auch kauft, falls diese demjenigen gefallen, ist doch alles gut.
DungD2N:
Jeder hat die Möglichkeit an kostenpflichtige Musik zu kommen, ohne Geld ausgeben zu müssen. Jugendliche, die regelmäßig Alben runterladen, kann man nur sehr schwer überzeugen, ihre Einstellung zu ändern, Musik zu kaufen. Denn man kennt das selbst aus dem sozialen Umfeld: Freunde, Klassenkameraden laden Musik illegal runter; berichten, dass es bisher keine Konsequenzen gegeben hat. Würde ich einer dieser Menschen nach den Unterschieden fragen, würde ich als Antwort erhalten, dass es nur Unterschiede zwischen einer CD und einem Download gebe. Der Kauf im Handel hat folgende Dinge zu bieten: die CD, das Booklet und weitere Goodies (DVD, Merchandise, Gutschein usw.). Ein legaler Download unterscheide sich kaum vom einem illegalen Download.
Die illegalen Downloads wirken sich schlecht auf die Verkaufszahlen und Chartplatzierung. Wie sie sich auf die Musik oder Motivation, weiter Musik zu machen, auswirkt, kommt auf den jeweiligen Künstler an.
Mir fallen keine besonderen Wege ein, die die Musikindustrie gehen könnte. Würde sie wie in der Videospielindustrie mit dem Kopierschutz ankommen, dann würde man nur die Freiheiten des ehrlichen Käufers nehmen, denn die anderen würden sowieso einen Weg finden, um “kostenlos” an Musik zu kommen.
Mit besten Grüßen aus Berlin,
Dung “DungD2N”
Mixtapesammelstelle:
Warum Illegale Downloads gut für die Musik sind.
Ich möchte zu dieser Debatte die provokante These aufstellen, dass illegale Downloads, wie unmoralisch das Verhalten des einzelnen Loaders auch immer sein mag und wie groß die Versäumnisse der Musik-Industrie
waren, in ihrer Folge gut für die Musik und ihre Entwicklung sind. Im Hip Hop spielen Verkaufszahlen selbst für Underground Künstler und Nischenacts eine Rolle, die man sonst nur von CEOs großer Plattenfirmen erwartet. Vielleicht liegt es an der unsubversiven Grundhaltung der Musik, dem ewigen Blick nach oben, raus aus den Ghettos der meisten Musiker, die nie eine kritische Distanz zum Materiellen haben entstehen lassen. Spätestens mit Rakims Ketten waren Bling-Bling und andere Statussymbole Grundausstattung jedes Rappers, damit einher geht natürlich ein verstärktes Streben nach Materiellem. An sich ist das nichts Verwerfliches, problematisch wird es jedoch an jenem Punkt, an dem die Motivation Musik zu machen, von der Musik selbst auf die finanziellen Anreize umschwenkt. Der Erfolg – gemessen an der eigenen Motivation – stellt sich dann nicht mehr bei guter Musik, sondern bei kommerziellem Erfolg ein. Der Maßstab für den Künstler an dem sich seine Musik messen muss, sind Verkaufszahlen, nicht hochwertige Musik, das die Qualität der Musik unter diesem Maßstab leidet ist evident. Augenscheinlich wird diese Denkweise schon in Alben Titeln wie “Get Rich or Die Tryin’” oder “Vom Bordstein zur Skyline”, die schon den materiellen Maßstab für ihre Existenz implizieren.
Dieses System lief lange ungestört, bis zum Zeitpunkt der digitalen Revolution, der Verbreitung von Breitband Internet und MP3 Format, verstärkt durch Hörgewohnheiten die auf Shuffle-Playlists denn auf Alben Konzeptionen liegen. Durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit von illegalen Download wurde der Markt zerstört. Damit der Hörer in Besitz der Musik kommen kann, muss er nicht mehr kaufen. Diese Entwicklung wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Die Zerstörung des Marktes hatte dreierlei
Folgen.
1. Die Verkaufszahlen brechen ein und damit der etablierte Maßstab des kommerziellen Erfolgs für Qualität von Musik. Die im alten System sozialisierten Musiker sind empört, weil ihre bisherige Handlungsorientierung entfällt. Woran sollen sie den Erfolg ihres Schaffens messen, wenn nicht an Verkaufszahlen? Sie haben kein anderes Verhaltensmuster gelernt und beklagen diesen Maßstab laut und häufig. Im Deutschen Rap, in dem die Aufstiegillusion dank Selbstinszenierung in Texten und Verhalten und teuren Wagen in Videos und nackter Verkaufszahlen Realität besonders groß ist, ist der Aufschrei entsprechend laut.
2. Die Motivation der Käufer ändert sich. Statt qua Notwendigkeit des Marktes zum Kauf gezwungen zu werden, da sonst keine Möglichkeit bestand in den Musik-Genuss zu kommen, ist der Kauf jetzt freiwillig. Diese Freiwilligkeit, die nicht eine Entscheidung für oder gegen das Produkt ergo die Musik ist, sondern eine für oder gegen Bezahlen ist, ändert den Charakter des Kaufens. Aus Kaufen wird Spenden, Unterstützung, Supporten,
ein karitativer Akt aus ideellen Gründen. Diese ideellen Gründe können mindestens zweierlei sein, (a) die affektive Bindung an einen Künstler, die auch die Marketing-Strategien hervorgerufen sein kann. Als Beispiel
ließen sich hier einerseits lange emotionale Bindungen an einen Künstler aufführen, andererseits auch die ugs. “Forenkinder”, eine treue unreflektierte Stammkäuferschicht, wie man sie in den Foren entsprechender
Künstler und Labels finden kann. (Auf Beispiele verzichte ich, um niemanden unnötige zu provozieren). (b) Zweitens können die ideelen Gründe im Wert des Werkes selbst liegen, man könnte auch einfach von der
musikalischen Qualität reden. Die außerordentliche, musikalische Qualität, die dem Hörer, obwohl er es nicht müsste, eine finanzielle Aufwandsentschädigung oder Respektsbekundung wert sind. Die Künstler haben sich im Übrigen längst auf die neue karitative Qualität des Kaufens eingestellt, nicht umsonst wird in jedem Interview betont, man solle die Musik kaufen um gute Musik zu “unterstützen”, d.h. freiwillig zu spenden. Der Supporter Gedanke ist elementar für jedes Promo-Gespräch und jede Kaufaufforderung.
3.Die materielle Motivation, Musik zu machen, zerbricht. Für diejenigen, die nicht mehr der anachronistischen Vorstellung anhängen, dass Musik ihnen einen materielle Perspektive für ihr Leben bieten kann, wird den
Antrieb gute Musik zu machen, wieder zur eigentlichen Motivation. Statt Verkaufszahlen wird der Wert des Werkes selbst wieder zum Maßstab ihres Schaffens. Oder sie orientieren sich vollständig an ihrer unreflektierten, affektiv gebundenen Käuferschicht und müssen entsprechende Musik machen, was sie von jeglichen anderen Hörerschaften endgültig abkoppelt. Vulgär ausgedrückt, wer Musik für 14-jährige Forenkinder macht, muss sich nicht wundern, wenn seine Musik außer von 14-jährigen Forenkindern von niemandem mehr gehört wird.
Einige Labels haben diese Entwicklung erkannt und entsprechend reagiert. Wenn Chimperator Alben in fast identischer Form selbst kostenlos im Netz veröffentlicht, ist man dort überzeugt, dass ohnehin niemand, der nicht völlig von der Qualität der Musik überzeugt ist, sich gezwungen sieht, Geld dafür auszugeben. Ähnlich verhält es sich mit vielen alternativen Vertriebswegen, die die Freiwilligkeit des Unterstützens bereits mit
einkalkulieren z.B. in Name-Your-Price-Downloads, Kostenlosen Streams mit lediglich kostenpflichtigen Downloads oder via rare Sammler Vinyls, die mehr als nur die reine Musik verkaufen. Der Bereich der kostenlosen Musik boomt nicht umsonst, denn nur wer möglichst viele Menschen von der Qualität seiner Musik überzeugen kann, kann darauf hoffen, dass sich einige zum Spenden bereit erklären.
So lenken die illegalen Downloads, aller negativen und hier nicht wegzudiskutierenden Folgen zum Trotz, den Fokus wieder auf die Qualität der Musik statt die Quantität der Verkaufszahlen.
JD’s Rap Blog:
Also natürlich kann man mit einem kleinen Statement nicht das ganze Thema rund um illegale Downloads abdecken, allerdings versuche ich es mal. Also vorweg möchte ich sagen, dass ich schon glaube, dass illegale Downloads teilweise Grund dafür sind, dass Musiker weniger Musik verkaufen. Allerdings sind die illegalen Downloads in meinen Augen nicht Schuld. Da sollten sich die Künstler häufiger an die eigene Nase fassen. Die Qualität der Musik nimmt ab und darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass viele Labels oder Künstler einfach unproffessionell auftreten. Da werden Mails unbeantwortet gelöscht, vergessen oder man tritt in Interviews dermaßen schlecht auf, dass das Bild in der Öffentlichkeit schon miserabel ist. Es gibt einfach viele Faktoren warum man Musik nicht mehr kauft. Viele werden sich wohl auch denken, warum kaufen, wenn ich das Album in 2 Minuten kostenlos irgendwo runterladen kann. Illegale Downloader fühlen sich teilweise auch noch zu sicher, weil einfach noch zu wenig dagegen vorgangen wird. Allerdings haben die illegalen Downloads auch etwas Gutes. Ich hab zumindest das Gefühl, dass die treure Käuferschicht und der Künstler enger zusammen rücken, das merkt man auch an Aktionen wie von Olli Banjo “Album kaufen – fotografieren und ein Leben lang kostenfreier Eintritt”. Dazu denke ich, dass illegale Downloads auch dafür gut sind, dass man in ein Album vorher reinhören kann und dann erst in den Laden geht und sich das Ding holt. Diese Vorgehensweise habe ich nun schon einige Male mitbekommen. Diese ist allerdings auch nur gut für den Künstler, wenn die Qualität stimmt. Im Großen und Ganzen sind illegale Downloads natürlich noch ein großes Problem, dennoch sollten Künstler damit leben und aufhören sich darüber zu beschweren, ändern können sie dadurch eh nichts. Sie sollten sich lieber auf ihre Musik konzentrieren und ordentliche Platten hinlegen. Käufer gibt es glücklicherweise noch einige.
Wie schon erwähnt, im Grunde ist man dagegen quasi machtlos. Am Beispiel “Chimperator” wird aber deutlich, dass man dennoch Wege findet wie man eine ordentliche Anzahl an Platten verkaufen kann. Limitierte Auflagen, vorherige Download-Version oder Download-Version mit geringerer Qualität. Das sind alles Möglichkeiten, die scheinbar funktionieren. Vielleicht kann das ein Weg sein.
badaboombadabang hat da noch was für euch:




Pingback: Presseschau 09.06.10 | combat0r blog
Pingback: Wildstyle Magazine | Wieso wir illegal downloaden – und sich das nicht mehr ändern wird [Kommentar]
Pingback: [TechBlogWatch] 11.6.10: Second Life, Wichsvorlage, Apple Sekte, LG loves Android, iPhone Hotspot, MultiPong | TechFieber | Smart Tech News. Hot Gadgets.
Pingback: Illegalität von Downloads, P2P, Streams und Besitz? | Alles über Musik download
Pingback: Aufmerktsamkeitslenkung am 12.06.2010 (mit Fler, JD’s Rap Blog, u.a.) « Herr Merkt spricht über HipHop
Pingback: TheBlogParty » Blogger sprechen über: Illegale Downloads
Pingback: RapBlog.ch – Your Rap Music Webzine » Blogger sprechen über: Illegale Downloads
Pingback: » J.D.: Bundesjustizministerin erteilt der Gratiskultur im Internet eine klare Absage JD's Rap Blog
Pingback: » J.D.: iTunes & Amazon steigern Marktanteil & 85 Prozent der Single Charts sind Download-Verkäufe JD's Rap Blog
Pingback: » J.D.: Musikformat MP3 feiert den 15. Geburstag – “Des einen Freud ist des anderen Leid” JD's Rap Blog
Pingback: News aus der Musikbranche: Wir fassen zusammen #6 | Rapresent - Deutschrap Blog
Pingback: J.D.: Digitaler Musikmarkt im Aufwind / CD-Verkäufe rückläufig & Piraterie kostet Jobs | JD's Rap Blog